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Der Eklat um die Verleihung des Hessischen Kulturpreises war nicht das erste Mal, dass der Hessische Ministerpräsident sehr bewusst Migrantinnen und Migranten bzw. neue Deutsche vor den Kopf gestoßen hat – und es wird leider auch nicht das letzte Mal bleiben.
Was ist geschehen? Der Hessische Kulturpreis sollte in diesem Jahr für den interreligiösen Dialog vergeben werden. Zunächst wurden vier Preisträger nominiert: Kardinal Lehmann für die katholische Kirche, Prof. Steinacker für die evangelische Kirche, Herr Dr. Korn für die jüdische Gemeinde und ursprünglich für die Muslime Prof. Sezgin. Letzterer hat den Preis abgelehnt, weil er mit der Position von Dr. Korn zum Israel-Palästina-Konflikt nicht einverstanden war und den Preis nicht gemeinsam mit ihm entgegennehmen wollte. Navid Kermani wurde dann vom Kuratorium nachnominiert – und das, so weit bekannt ist, in großer Einigkeit des Kuratoriums und auch mit Zustimmung des Kuratoriumsvorsitzenden Roland Koch.
Am 13. März 2009 hat Navid Kermani in der "Neuen Züricher Zeitung" ein Essay veröffentlicht, in dem er sich mit einem Bild, nämlich der Kreuzigung von Reni, beschäftigt hat. In diesem Essay setzte er sich als Moslem zunächst sehr kritisch mit der Kreuzigung auseinander und beginnt den Artikel durchaus provokant. In dem Essay aber durchläuft er selbst als Betrachter des Bildes eine sehr erstaunliche Wandlung. Denn durch den Anblick von Renis Bild, durch diese ästhetische Erfahrung, kommt er am Ende des Artikels dazu, die Verehrung der Christen für den gekreuzigten Christus nachvollziehen zu können. Dies gipfelt in dem für einen Moslem doch sehr erstaunlichen Satz: Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.
Wer dieses Essay genau liest merkt sehr schnell, dass Navid Kermani genau der Richtige gerade für diesen Kulturpreis ist. Denn zu einem gelungenen interreligiösen Dialog gehören ja gerade die Auseinandersetzung mit anderen Religionen, das konstruktive Suchen nach Fremdheit, aber auch nach Übereinstimmung. All das findet sich in Kermanis Artikel. Zudem ist Navid Kermani ein bekannter iranischstämmiger deutscher Intellektueller, der sich schon in zahlreichen Arbeiten gerade mit interkulturellen und interreligiösen Fragen sehr klug auseinandergesetzt und dafür schon zahlreiche Preise gewonnen hat. Genau deshalb war er für den Kulturpreis ja vorgeschlagen.
Aber durch das Erscheinen des Artikels beginnt kein Dialog, sondern es beginnt eine Staatsposse. Die Staatskanzlei verkündete die Aberkennung des Preises an Kermani, da er mit seinem Essay die Gefühle der Christen verletzt habe. Auch die Herren Lehmann und Steinacker wurden in diesem Sinne von Zeitungen zitiert, vermutlich waren sie auch der Auslöser. Da Roland Koch allerdings sicherlich die intellektuelle Reife hat, Kermanis Essay richtig zu verstehen, denke ich, er hat sich die Aufregung von Steinacker und Lehmann zu nutze gemacht. Es ist nicht so, dass er den Artikel nicht verstehen wollte oder konnte, nein, er hat ihn ganz bewusst missverstanden. Er hat an die erzkonservativen Teile der Hessen-CDU und an seine Klientel in Fulda und in Limburg gedacht – und hat mal wieder versucht zu spalten. Wir haben über 1 Million Muslime in Deutschland. Diesen hat er einmal mehr zu verstehen gegeben: Mit uns kann man es ja machen, und der Christ wird im Zweifel bevorzugt. Damit haben uns Koch, aber auch die Vertreter der beiden christlichen Kirchen und das gesamte hochkarätig besetzte Kuratorium bei der Intention des Preises, nämlich den Dialog zwischen den Kulturen und zwischen den Religionen zu würdigen und voranzubringen, ganz erheblich zurückgeworfen.
Das Kuratorium hat nicht nur Navid Kermanis Intellektuelle Leistung nicht anerkannt, sondern hat ihn ungeschützt in der Öffentlichkeit als Christenhasser dastehen lassen und damit intellektuelle diskreditiert und gefährlichen Anfeindungen ausgesetzt. Das war schäbig.
Wir GRÜNE haben die Aberkennung von Anfang an scharf kritisiert und nach den Beweggründen und dem Hergang der Aberkennung geforscht. Von der Landesregierung aber kam bis heute keine Erklärung. Die Landesregierung schweigt zu allen offenen Fragen – allein dass verfestigt die Vermutung, dass Koch selbst der Akteur dieser ganzen Staatsposse war.
Ende August haben sich die ursprünglich für den Hessischen Kulturpreis nominierten Preisträger in einem Gespräch ausgesprochen und der Hessische Kulturpreis wird nun auch an Navid Kermani verliehen. Das ist ein Verdienst der vier Nominierten – vor allem aber ist es ein Verdienst der kritischen Öffentlichkeit, die Roland Koch endlich mal einen Versuch zu hetzen nicht durchgehen ließ.
Am 26. November wird der Hessische Kulturpreis an Navid Kermani verliehen. Wenn Koch noch ein Mindestmaß an Anstand besitzt, muss er sich spätestens dann öffentlich bei Navid Kermani entschuldigen.
Sarah Sorge ist kulturpolitische Sprecherin der GRÜNEN und Vizepräsidentin des Hessischen Landtags